Hinweis: „Deutschland liegt in Mölln“

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Freunde und Freundinnen,

Hier ein besonderer Hinweis auf eine Veranstaltung die uns am Herzen liegt. Es geht um die Gedenkveranstaltung zum 20. Jahrestag von den tödlichen Anschlägen in Mölln. Unser Freund Imran Ayata war schon im letzten Jahr vor Ort und hat eine Rede gehalten. (Wir dokumentieren die Rede hier unten stehend) Dieses Jahr organisiert Imran eine Busfahrt nach Mölln – wir sind eingeladen mitzufahren – die Fahrt ist kostenfrei – lest selbst – und kommt mit!

Hallo zusammen,auch auf die Gefahr, dass Ihr darüber im Bild seid, schicke ich Euch einige Informationen zu unserer Aktion „Deutschland liegt in Mölln“.  Unter diesem Motto fahren ca. 50 Menschen  diesen Freitag, den 23. November , von Berlin nach Mölln, um an dem Gedenktag des Brandanschlags Mölln vor zwanzig Jahren teilzunehmen.

 Treffpunkt: Freitag 23.11.2012 bei Kotti und Co., Kottbusser Tor / Admiralstr 1, Berlin-Kreuzberg. Uhrzeit: 11:30 Uhr

Von dort geht es zu Fuß zur Admiralstraße/Kohlfuhrter Straße. Der Bus fährt an dieser Ecke um 11:55 Uhr los.

Die Rückfahrt aus Mölln ist gegen 21:00 Uhr. Die Fahrt dauert ca. 3,5 Stunden. Programmflyer zur Gedenkveranstaltung

Wenn Ihr mitfahren wollt, lasst es mich bis Mittwoch wissen. (imran.ayata@gmail.com)

Herzlich, Imran

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Imran Ayata / Rede zur Gedenkfeier des Brandanschlages Mölln / 23. November 2011, Mölln

– Es gilt das gesprochene Wort – Liebe Familie Arslan,

liebe Familie Yilmaz,

liebe Anwesende,

meine Damen und Herren,

ich weiß noch wie heute, wie mich die Nachricht von einem neuerlichen Brandanschlag, dieses Mal in Mölln, erreichte. Als ich in Frankfurt am Main davon hörte, wusste ich nicht, wo dieser Ort liegt. Zuerst dachte ich in der ehemaligen DDR, weil uns damals aus den neuen Bundesländern  ständig Nachrichten von rassistische Anschlägen und Übergriffen erreichten. Es muss der 24. November 1992 gewesen sein, als ich von dem furchtbaren Verbrechen hörte und nebenbei lernte, dass Mölln in Schleswig-Holstein liegt. Noch immer denke ich zuallererst an diesen Brandanschlag, wenn mir Mölln begegnet, auch wenn ich irgendwann keine konkreten Bilder mehr von diesem Anschlag vor Augen hatte, welche aber durch die heutige Veranstaltung wieder in Erinnerung gerufen wurden. Aber auch ohne diese Bilder werde ich Mölln ohne Ihr Schicksal, liebe Familie Arslan und liebe Familie Yilmaz, nicht denken können.

Mölln markiert eine wichtige Zäsur. Denn spätestens nach dem feigen und menschenverachtenden Anschlag musste es den meisten in Almanya klar gewesen sein, dass wir es nicht mit einem regional eingrenzbaren, temporären Auswuchs zu tun haben, sondern einer gesellschaftlichen Gefahr begegnen müssen, die uns alle betrifft. Ich meine damit Rassismus in seiner ganzen Bandbreite – von rassistischen Morden über institutionelle Diskriminierung und Ausgrenzung zu alltäglichen Diffamierungen, die Menschen hier erleben, weil sie nicht Deutsche sind oder für solche gehalten werden, selbst wenn sie längst die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben oder hier geboren sind.

Ihr Schicksal und mein Werdegang sind miteinander verknüpft, und das, obwohl wir uns bis heute gar nicht kannten. Denn es waren die Brandanschläge von Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Solingen und eben auch Mölln, die mich und meine Generation  so sehr prägten. Sie ließen in uns nicht nur Trauer und Wut aufkommen, sondern waren Warnung und Aufforderung zugleich, eine neue Sprache zu finden, just als viele der Sprachlosigkeit das Wort redeten, als nach der Wiedervereinigung Häuser in Deutschland brannten. Wegen dieser Anschläge in Mölln und anderswo verbannten wir Begriffe wie Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit aus unserem Sprachgebrauch. Was in Almanya passierte, bedurfte neuer Begriffe – zum Beispiel eines Begriffes wie Rassismus. Vor allem erforderte es eine neue Haltung, die sich rassistischen Debatten und Handlungen in der Gesellschaft stellte.

So gründeten sich im Laufe der 90er Jahre neue Initiativen und Gruppen, die selbstbewusst und mutig sich nicht nur in die politischen Debatten einbrachten, sondern intervenierten, Forderungen artikulierten, die zuvor nicht geäußert worden waren.

Ich selbst war mit vielen anderen bei Kanak Attak aktiv, eine Organisation, die so mutig war, vieles in Frage zu stellen, was uns in Schulheft geschrieben worden war. Wir formulierten neue Positionen  und erzählten die Geschichte der Migration aus der Perspektive der sozialen und anti-rassitischen Kämpfe.

Als Kanak Attak 2001, also fast zehn Jahre nach dem Brandanschlag von Mölln,  an der Volksbühne in Berlin mit einer Revue diese Geschichte auf die Bühne brachte, waren die Erfahrungen und Lehren aus den Brandanschlägen von einst sehr präsent, auch und gerade deswegen, weil in der Öffentlichkeit dies in Vergessenheit zu geraten schien oder inzwischen als ein Relikt der Vergangenheit eingestuft wurde.

Für uns war und bleibt Ihre Geschichte, liebe Familien Arslan und Yilmaz, Teil unserer Geschichte.

Denn, dass ich selbst Texte schreibe, Artikel und Bücher veröffentliche, hat den Ursprung letztlich auch darin, was im November 1992 in Mölln passierte.

Ich denke, Schreiben hat damit zu tun, etwas zu sagen zu haben.

Und spätestens nach Mölln und Solingen hatten ich und meinesgleichen wirklich etwas zu sagen, zum Beispiel, dass wir nicht mehr gewillt sind, uns mit der uns zugewiesenen Rolle abzufinden. Wir wollten keine Stichwortgeber von Scheindebatten sein, die uns nicht weiterbrachten. Deswegen forderten wir das Ende der Dialogkultur, die Ungleichheiten festschrieb und mehr oder weniger alles ausschloss, was gleiche Rechte oder gleicher Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen hieß. Sehen wir mal davon ab, ob und wie erfolgreich all die politischen Bemühungen waren. Unbestritten ist, dass die Post-Mölln-Solingen-Hoyerswerda-Generation sich Häppchen erkämpfte und Einzelne vorne wegschwammen, weil es inzwischen eine neue Währung gab, die zum Ausdruck brachte, wie Migranten Deutschland bereicherten.  Auch wenn die allermeisten Bereicherer mit Migrationshintergrund es selbst viel zu schnell vergessen, ihre Erfolge im Kulturbetrieb oder in der Politik sind mit den Ereignissen der 90er Jahre verbunden,  davon bin ich überzeugt. Das gehört, wie ich finde, zu den Widersprüchen unseres Lebens in Almanya.

Ich vermute, es gibt keinen richtigen Trost für das, was Sie erlebt haben. Aber es ist mir ein Bedürfnis, es Ihnen – liebe Familie Arslan und liebe Familie Yilmaz – auf diesem Weg zu sagen:

Wir sind die, die wir sind, weil es Sie gibt.

Deswegen habe ich auch keine Sekunde gezögert, als ich gebeten wurde, die Rede in Erinnerung an den Brandanschlag in Mölln zu halten.

Glauben Sie mir, bei der Vorbereitung dieser Rede ging mir einiges durch den Kopf. Es fiel mir nicht leicht, den richtigen Ton zu finden, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden und eine Ansprache zu wählen, die dem Anlass gerecht wird. Jetzt, da ich zu Ihnen spreche, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob mir das gelingt. Unabhängig davon war mir eines sofort klar: Ich würde nicht einfach über das Geschehene reden, über die Vergangenheit, über das Gestern, sondern auch über die aktuelle Situation und das Heute  –  selbst wenn die NSU und der Selbstmord der Neonazis in Zwickau in der Zwischenzeit nicht bekannt geworden wäre.

Für den einen oder anderen mag das altmodisch oder nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Ich werde in diesem Punkt stur bleiben und diesen Standpunkt weiterhin vertreten:

Ohne das Gestern ist der Blick auf das Heute verstellt.

Wenn wir aber das Heute klarer sehen wollen, können wir nicht Mölln und die 90er Jahre verdrängen oder vergessen. Jede Rede von der Einwanderungsgesellschaft ist ohne diese Geschichte eine unvollständige. Leider wird genau diese Geschichte viel zu häufig ignoriert.

Nehmen wir einmal das Beispiel der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei. Natürlich ist es nicht weiter überraschend, wenn bei dieser Gelegenheit beide Staaten die Erfolge der Einwanderung herauszustellen versuchen. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Medien dieses Ereignis dafür nutzten, für einige Wochen Migranten und ihrem Leben in Deutschland größeren Raum einzuräumen. Fast immer ging es dabei um erfolgreiche Migranten. Diese Geschichten sollten zum einen dokumentieren, dass Integration erfolgreich verlaufen kann und zum anderen Vorbild und Blaupause für andere sein, sich ihren Weg in Deutschland zu bahnen.

Dass es aber keine Debatte über die Lebensbedingungen von Migranten gab, hat viele Gründe, die ich hier nicht darlegen kann. Aber lassen Sie mich in diesem Zusammenhang eine Frage streifen: Wie kann es sein, dass wir ein historisches Ereignis feiern und dabei Geschichte, als eine Erzählung mit guten und schlechten Kapiteln, mit Siegen und Niederlagen, mit schönen und schrecklichen Bildern, so einseitig behandeln? Wie kann es nahezu ohne Zwischenruf und Gegenrede gelingen, beim 50. Jubiläum des Anwerbeabkommens Mölln, Solingen, Hoyerswerda usw. unsichtbar und unbenannt zu lassen?

Ich fürchte, dass ist nicht nur staatlicher und politischer Ignoranz geschuldet, sondern hat auch damit zu tun, dass viele derer, die in den 90er Jahren und später im Feld des Anti-Rassismus tätig waren, es heute nicht mehr sind oder nicht mehr öffentlich durchdringen. Abseits der offiziellen Feierlichkeiten und der Berichterstattung zu diesem Jubiläum wurden aber auch die Schattenseiten der Einwanderungsgeschichte nach dem Anwerbeabkommen aufgegriffen.

In diesem Zusammenhang will ich mit Ihnen eine Erfahrung teilen. Gemeinsam mit dem Münchner Künstler Bülent Kullukcu habe ich im Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße, die 50-jährige Geschichte der Einwanderung aus der Türkei in einer musikalischen Erzählung präsentiert. So spielten wir beispielsweise Gastarbeiterlieder der ersten Stunde, machten auf die Anfänge der HipHop-Kultur aufmerksam und zeigten in einer Sequenz auch die Ereignisse aus Rostock, Solingen und Mölln. Die Stimmung im Theater war plötzlich eine andere. Bülent und mir war, als ob die einen sich angegriffen fühlten und andere sehr betroffen waren. Die Reaktionen nach der Aufführung bestätigten unsere Vermutung. Tatsächlich wiesen uns einige Gäste darauf hin, dass es nicht nötig gewesen sei, ihnen diese Schattenseiten von einst vorzuhalten. Das war gar nicht unsere Intention. Wir wollten nur deutlich machen, dass diese Brandanschläge einen Platz haben müssen, wenn wir über Almanya reden. Mir ist bewusst, dass ich mich wiederhole. Gleichzeitig denke ich, ich sollte es nochmals sagen, auch auf die Gefahr hin, dass Sie längst verstanden haben, worum es mir geht.

Vielleicht wiederhole ich mich deswegen, weil es mir keine Ruhe lässt, warum Deutschland sich so extrem schwer damit tut, auch ein Land der Familie Arslan und der Familie Yilmaz zu sein. Ohne wenn und aber, ganz selbstverständlich. Ich vermute, dass das in Mölln heute so ist, aber ich spreche bewusst von einer anderen Ebene. Mir fällt auf, dass sich noch immer hartnäckig die Politik der Klassifizierung von Migranten in gute und schlechte, bereichernde und Probleme schaffende, christliche und islamische, junge und alte, ausgebildete und ungelernte behauptet. Mit dieser Sicht geht einher, dass man sich der Illusion hingibt, es könnte einen Masterplan für Integration und Migration geben, eine Art Handlungsanleitung für ein Land, das sich nicht abschafft, sondern durch tief greifende Veränderungen in Zeiten der Globalisierung neu erfinden muss. Und ganz sicher sind Argumente von selbsternannten Experten wie Thilo Sarrazin & Co, die rassistischen Vorurteile und Rassismus schüren, nicht wegweisend.

Ich habe mich gefragt, was Ihnen, liebe Familie Arslan und Familie Yilmaz, wohl im Zuge der Sarrazin-Debatte durch den Kopf ging? Wie fühlte es sich für Sie an, dass da jemand 2010 Moslems als Bedrohung darstellte, weil sie schon ihrer Gene wegen nicht klug genug für Deutschland seien, ihre Kinder nicht in die Kitas und zur Schule schicken und womöglich in Hinterhöfen die Einführung der Scharia in Deutschland vorbereiten oder Frauen unterdrücken?

Nicht die Thesen von Sarrazin alleine, sondern das große Interesse an seinen Äußerungen in allen gesellschaftlichen Schichten, ist aus meiner Sicht das eigentliche Problem. Erschreckend ist, dass ein Drittel der Bürger denkt, dass „Ausländer“ hier nicht hergehören. Zu diesem Ergebnis kam eine große Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vom letzten Jahr. Darin stimmte ein Drittel diesem Satz zu:

„Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.

Genauso viele meinen, dass „Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen, und dass bei knappen Arbeitsplätzen „Ausländer wieder in ihre Heimat“ geschickt werden sollten.

Sie müssen sich das mal vorstellen, in jedem dritten Kopf schwirren rassistische Gedanken. Aber nicht nur das. Wenn Sie genauer hingehört haben, dann beinhaltet die letzte Aussage auch eine ökonomische Dimension. Wenn „wir“ sie als Arbeitskräfte brauchen, nehmen wir es hin, dass Einwanderer und Migranten in Deutschland sind. Werden Arbeitsplätze knapp, sollen sie das Land verlassen. Solche Kosten-Nutzen-Erwägungen sind ein gefundenes Fressen für Rechtsextreme und Neonazis. Die Journalistin und Essayistin Mely Kiyak schrieb letztes Wochenende in der Frankfurter Rundschau: „Rechtsextremes Denken ist in unserer Bevölkerung offenbar unausrottbar vorhanden. Nicht die pathologisch Verrückten, die mit einer Waffe in der Hand mordend durch die Gegend ziehen, sind das Problem. Sondern unsere rechtsextrem denkenden Nachbarn, Zeitungsabonnenten, Vorgesetzten, Personalchefs, Eltern, Lehrer, Kita-Erzieher, Polizisten, Sachbearbeiter auf der Behörde und so fort. Rechtsextreme sind keine zoologische Besonderheit, keine Naturgewalt aus Zwickau.“

Ich mag nicht akzeptieren, dass jeder Dritte in diesem Land so denkt. Aber ich glaube trotzdem, dass auch die Tat von Mölln keine zoologische Besonderheit und Naturgewalt war. Wenn wir heute über die Todesopfer rechtsextremer Taten sprechen, uns von politischen Repräsentanten dieses Landes eine Entschuldigung  und eine Verurteilung dieser Taten einfordern – wie dies im historischen Ausmaß gestern im Bundestag geschehen ist –  dann sollten wir nicht wie damals in Lichterketten heute in Schweige-Flasmobs enden.

Das Gebot der Stunde ist nicht Schweigen, sondern Reden.

Also reden wir darüber, wie all das Geschehen konnte und reden wir darüber, wie rassistisch motivierte Verbrechen nicht mehr möglich sind.

Reden wir darüber, dass der Begriff „Dönermorde“ unhinterfragt durch die Medien geistert und die Polizei eine Sonderkommission gründet, die „Soko Bosporus“ heißt, weil sie es nahe liegend findet, dass die türkische Mafia und Schutzgelderpresser am Werk waren, wenn Menschen in Dönerbuden ermordet werden.

Reden wir darüber, dass man jetzt wieder ganz selbstverständlich von „Türken“ und „Ausländern“ spricht, so als ob von man Fremdkörpern in unserer Gesellschaft sprechen würde.

Reden wir darüber, dass alle Menschen das Recht haben, für sich und gemeinsam zu befinden, wie sie miteinander leben wollen.

All das sind wir den Opfern und unsere Geschichte schuldig.

Jetzt habe ich lange gesprochen, ich hätte es ganz kurz halten können:

Ich verneige mich vor Yeliz Arslan, Ayşe Yılmaz und ihrer damals 51-jährige Großmutter Bahide Arslan sowie allen anderen Opfern rechtsextremer Verbrechen und möchte, dass Sie, liebe Familie Arslan und liebe Familie Yilmaz wissen:

Ich werde nie vergessen.

Wir werden nie vergessen.

Anders gesagt:

Asla unutmayacagim.

Asla unutmayacagiz.

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