Rede zum TCSD 2013

(etwas verspätet veröffentlichen wir den redebeitrag einer mitstreiterin von kotti & co zum TRANSGENIALEN CSD – viel spass beim lesen ; )

KOTTI UND CO GRÜSSEN VON HERZEN DEN TRANSGENIALEN CSD UND DANKEN EUCH FÜR EURE UNTERSTÜTZUNG BEIM KAMPF GEGEN DEN MIETENWAHNSINN, VERDRÄNGUNG, RASSISMUS UND KAPITALISTISCHEN STADTUMBAU.

GANZ BESONDERS DANKEN WIR DEM SÜDBLOCK FÜR DIE TÄGLICHE UNTERSTÜTZUNG AM GECEKONDU.

Am 26. Mai letztes Jahr gingen wir NachbarInnen vom Kottbusser Tor auf die Strasse und besetzten den Platz vor unseren Häusern. Unser Ziel war und ist es, die unbezahlbaren Mieten in den Sozialbauten zu senken. Wir sind jetzt seit über einem Jahr auf der Strasse – jeden Tag. Das sind mehr als 8.760 Stunden Protest gegen die Berliner Regierung aus SPD und CDU. Das durchzuhalten ist ein hartes Stück Arbeit. Für alle von uns.
Der SPD-Finanzsenator Thilo Sarazin hat 2003 zwei Dinge gegen die Mieter_innen im sozialen Wohnungsbau getan, die er offensichtlich so hasst, wie er es in seinen Büchern zum Ausdruck bringt. Er hat die Förderung für den sozialen Wohnungsbau gestrichen und er hat gleichzeitig die größte kommunale Wohnungsbaugesellschaft an private Eigentümer praktisch verschenkt. Dieses Sarrazinische Denken hält in der SPD immer noch an. Für die Mieter und Mieterinnen hat man nur Verachtung übrig.

Wir fordern die Rekommunalisierung des privatisierten, ehemals sozialen Wohnungsbaus!
Nur durch unseren Druck von der Strasse können wir etwas bewirken.

Das Recht auf Stadt bedeutet für uns:
– unser Recht in der Innenstadt zu bleiben, auch wenn wir nicht reich, jung oder kreativ sind
– unser Recht, anders zu sein, als die alte Westberliner und die neue kreative Elite: zb. Rentnerin, Aufstockerin, religiös, Eltern ohne gut bezahlten Job, Kinder ohne Förderung, trans- homo- oder intersexuelle Menschen mit und ohne Familien.
– unser Recht auf Stadt bedeutet: mitentscheiden zu können, was mit unserer Stadt passiert, die wir mit aufgebaut haben.
Ich möchte noch kurz etwas über meine Erfahrung bei Kotti & Co erzählen. Was ich dort gelernt habe und lerne, auch als Lesbe, und warum ich mich dort auch engagiere; Es geht bei Kotti & Co nicht um Identitätspolitik!
Es geht nicht darum, wer du bist, sondern was du tust! Die ethnische, religiöse, sexuelle Identität ist bei uns keine politische Kategorie. Wir respektieren uns in der Verschiedenheit, sonst würde es gar nicht gehen.
Wir sind MieterInnen und Nachbarn und sind im Kampf gegen die Verdrängung aufeinander angewiesen.
Das wünsche ich uns als LGBTI community auch: eine Akzeptanz in der Heterogenität. Als Judith Butler auf dem kommerziellen CSD 2010 den Zivilcouragepreis ablehnte und sich von Homonationalismus und Rassismus distanzierte, reichte sie den Preis den Organisator_innen von Gruppen weiter, die gegen Mehrfachdiskriminierung kämpfen, auch manchen, die den transgenialen CSD mitgestalten.
Aber was ist seither passiert? Wie wurde und wird darüber diskutiert und wohin sind wir jetzt gekommen?
Identitätsbegriffe sollten wir als beweglich begreifen und nicht als feststehend, sonst werden sie reaktionär.
Wenn es Probleme gibt und wir nicht offen darüber diskutieren können, sondern uns nur beschimpfen, Regeln der Abgrenzungen aufstellen, Misstrauen säen und Entschuldigungen nicht annehmen können ist das absurd und traurig. Und ich denke dieses Gegeneinander ist das Ergebnis von einem Denken, das polarisiert: in gut und böse, richtig und falsch, Opfer und Täter, wo es meiner Meinung nach darum geht, uns über Differenzen auseinandersetzen, uns zu vernetzen, und Bündnisse zu schließen. Wir müssen uns mit Respekt behandeln!!

Die Basis dafür ist Ablehnung von Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homo- oder Transphobie. Es geht darum freie Räume zu schaffen, in denen wir uns wohl fühlen und in denen wir uns nicht verletzen! Es ist nicht immer einfach. Es geht auch um das WIE wir miteinander umgehen. Um Vertrauen.
Meine Erfahrung bei Kotti & Co. ist: Es geht. Wir können voneinander lernen. Niemand ist perfekt. Fehler sind erlaubt. Ja auch Kompromisse. Es ist möglich einen Zusammenhalt, der uns stark macht zu erschaffen. Stark in unseren Kämpfen und in unserem Leben.

Es ist daher auch nötig, das Gecekondu als Ort eines gemeinsamen Protestes weiter aufrecht zu erhalten.
Wir würden uns freuen, wenn ihr uns unterstützt, vorbei kommt, einen Tee trinkt und ganz wichtig eine Schicht übernehmt. Gentrifizierung geht uns alle an!! Wir alle wollen wohnen ohne zweidrittel für die Miete auszugeben. Wir laden euch ins Gecekondu ein. Auch gerne zu Gesprächen über Mieterhöhungen oder zum Nachdenken über Alternativen zu einer ausgrenzenden Identitätspolitik.
Vielen Dank!!!