MACH MEINEN KOTTI NICHT AN!

Wir dokumentieren hier einen Text der „Kotti Runde“, einem Zusammenschluss von Anwohner*innen, Gewerbetreibenden, Einrichtungen und Akteuren rund um den Kotti. Auch wir, Kotti & Co sind seit Monaten mit dabei. Wir wünschen uns, dass die Berichterstattung über unser Zuhause wieder mehr Seiten beleuchtet. 

Das Thema „Krimminalität am Kotti“ steht wieder hoch im Kurs. Die Probleme sollte man nicht kleinreden. Doch das größte (legale) Verbrechen am Kotti ist und bleibt die Verdrängung der angestammten Bewohner*nnen durch das System Sozialer Wohnungsbau. Aktuell haben zahlreiche Mieter*innen der Deutsche Wohnen (ehemals GSW) wieder Mieterhöhungen erhalten. Laut Senat sollte es keine Mieterhöhungen geben, da auf unseren Druck das so genannte Mietenkonzept wieder eingeführt wurde (eine Art zeitweise Aussetzung der Mieterhöhungen). Doch die Deutsche Wohnen AG kauft sich aus den Verträgen vorzeitig frei um die Mieter*innen mit Mieterhöhungen weiter zum Auszug zu drängen. Der Druck am Kotti steigt, und wir kämpfen trotzdem um einen lebenswerten Kotti.

Hier nun der Text der „Kotti-Runde“:

MACH MEINEN KOTTI NICHT AN!

Wenn eine lebendige Stadt das Zusammenkommen unterschiedlichster Menschen ist, dann ist „unser Kotti“ der Inbegriff von Stadt. Wir wohnen und arbeiten hier gerne. Unser Kotti ist ein Ort der Vielfalt. So gibt es auch nicht DEN Kotti. Es gibt 1001 Geschichten und 1002 Perspektiven auf – und um den Kotti. Der Kotti ist bunt, laut, leise, groß, klein – und fast immer in Bewegung. Mal ist er anstrengend, mal beglückend. Freude und Traurigkeit, Lachen und Ärger, liegen hier oft nah beieinander. Wir, die hier leben, arbeiten, oder aber ausgehen – nicht alle, aber auch nicht wenige – engagieren uns seit vielen Jahren für „unsern Kotti“.

Medial wird der Kotti gerne in Szene gesetzt, gerne in Zusammenhang mit (Negativ-)Schlagzeilen. Wir kennen das. Seit Jahren erleben wir immer wieder skandalisierende Medienberichte, voller Stereotype über „den Kotti“ und die Menschen, die hier zusammentreffen. Drogenproblematik und Kriminalität sind dabei meist die Topthemen. Darauf folgt oftmals eine Debatte, die auf ein Mehr an Kontrolle, Überwachung, Polizei oder Rechtsverschärfungen zielt. Für differenzierte Fragestellungen bleibt meist wenig Raum. Hier liegt aber die Herausforderung, wenn es ein ernsthaftes Interesse zur Lösung der Probleme am Kotti geben soll. Und dazu brauchen wir alle: Die Menschen, die hier leben und arbeiten, aber auch die Menschen, die hier einkaufen, essen oder ausgehen. Wir brauchen, mehr als bisher, politisch Verantwortliche, die die Vielschichtigkeit der Probleme vor Ort aufgreifen und die Bereitschaft zeigen, Chancen-, Teilhabe- und soziale Gerechtigkeit tatsächlich umzusetzen – nicht nur, aber auch am Kotti.

Die Folgen fehlgeleiteter Stadtentwicklungspolitik umzukehren oder in ihr Gegenteil zu wenden ist aufwendig und braucht einen langen Atem – in Kreuzberg ebenso wie an anderen sogenannten „gefährlichen Orten“ Berlins. Hilfreich sind hier die Einsicht und das Bemühen, es besser machen zu wollen, beispielsweise auch in den Bereichen Sozial-, Bildungs-, Wohnraum-, Wirtschafts-, Verkehrs- oder Umweltpolitik.

Um die Auswirkungen und den Umgang mit den Folgen gescheiterter Politik – das zeigt sich insbesondere in der scheinbar weit weg stattfindenden Außen- oder Internationalen Politik – kommen wir alle nicht herum. Zunehmende soziale Ungleichheit, die Perspektivlosigkeit vieler geflüchteter Menschen, auch im Asylverfahren, der strukturelle Rassismus, den auch schon die vorhergehenden Generationen der Migration erfahren haben – all das sehen wir heute, nicht ausschließlich, aber auch am Kotti.

Die Problemlage ist komplex, aber wer kann das noch hören? All jene, beispielsweise, die sich nicht damit abfinden wollen, dass es ist, wie es ist – und einfachen Antworten, Populismus und Spaltungsabsichten eine klare Absage erteilen. Solidarität kann praktisch werden – im sozialen Miteinander, im gemeinsamen Handeln. Das ist eine von 1002 Perspektiven auf den Kotti, die in mehr als 1001 Geschichten vom Kotti erzählt werden.

Dieses Schreiben richtet sich an politisch Verantwortliche, an die mediale Öffentlichkeit und an Interessierte. Es richtet sich an alle, die uns im gemeinsamen Handeln, die Probleme am Kotti in ihrer Vielschichtigkeit konstruktiv anzugehen, unterstützen möchten.

Tragen Sie zur Lösung der Probleme bei, und informieren und berichten Sie differenziert, ohne die Zusammenhänge der Problemlagen aus dem Blick zu verlieren.

Konkret vor Ort:

• setzen Sie sich dafür ein, dass es „runde Tische“ gibt, an denen die relevanten Verantwortungs- und Entscheidungsebenen beteiligt sind und die Ergebnisse dieser „Tische“ tatsächlich in die Bezirks- und Senatspolitik einfließen – nicht nur, aber auch am Kotti

• begleiten Sie diese Prozesse kritisch und nachhaltig – nicht nur, aber auch am Kotti

• setzen Sie sich dafür ein, dass aufsuchende Sozialarbeit für die unterschiedlichsten Gruppen eingeführt wird – nicht nur, aber auch am Kotti

• setzen Sie sich dafür ein, dass Informations- und Anlaufpunkte für die Menschen geschaffen werden, die Unterstützung suchen, um auf kurzem Weg konkrete Hilfestellungen anbieten zu können – vor Ort, unabhängig vom Status, in verschiedenen Sprachen – nicht nur, aber auch am Kotti

• setzen Sie sich dafür ein, dass die Polizeipräsenz mit den Menschen, die hier am Kotti leben und arbeiten, gestaltet wird und nicht über deren Köpfe hinweg

• setzen Sie sich dafür ein, dass das Soziale Vorrang vor politischen Grabenkämpfen hat

• setzen Sie sich für eine Drogenpolitik im Interesse der Betroffenen ein, beispielsweise durch die Bereitstellung eines barrierefreien, niedrigschwelligen Druckraums – nicht nur, aber auch am Kotti

• setzen Sie sich für die Umsetzung der vieldiskutierten „Mittelinselkonzepte“ am Kotti ein, die beispielsweise Toiletten und medizinische Versorgung vorsehen

• setzen Sie sich dafür ein, dass es öffentliche Plätze gibt, die ein soziales Miteinander fördern und allen zugänglich sind – nicht nur, aber auch am Kotti

• machen Sie sich stark für Rekommunalisierung, beispielsweise von Wohnraum, und gewinnen Gestaltungsspiel­räume für das Gemeinwesen zurück

… MACH MEINEN KOTTI NICHT AN.

mmkna